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Starring: Marcel Dettmann as „Berghain“

6. Juni 2010

Marcel Dettmann war schon vor Ewigkeiten Resident im legendären Ostgut. Diesen Status hat er auch im inzwischen noch legendärmem Nachfolger inne. Wie es sich für einen derartigen Veteranen des Berliner Nachtlebens gehört, produziert er auch seit einiger Zeit. Mit „Dettmann“ wagt er nach diversen Soloveröffentlichungen den Schritt zum Album. Und der, soviel vorab, ist geglückt. Und einer etwas längere Rezension durchaus würdig.

Dabei ist es schon eine Selbstverständlichkeit, dass „Dettmann“ dann auch auf „Ostgut Ton“ erscheint; dem Label zum Club. Tatsächlich gibt es wohl auch kein passenderes dafür: Das Album ist ein ebenso kalter industrieller Rohbau geworden wie der Mainfloor des Berghains. Zumindest, was den erheblichen „For The Berghain-Floor“-Anteil der Stücke betrifft. Eher weniger für filigrane Feingeister gedacht, bleibt das Album über weite Strecken seiner DJ-Linie treu. Obgleich es auch sanftere Klänge auf das Album geschafft haben, dominiert düsterer Techno, aus dessen Loops das Maschinenöl nur so trieft. Gewaltig und so unbeirrbar wie eine Dampfwalze rollen Bässe und eine zeitweilig omnidominante Bassdrum durch das Gros Tracks. Kaum eine Spur von Natürlichkeit verirrt sich in die meist dystopisch geprägten Klanglandschaften.

Marcel Dettmann- Motive:


Auch wenn die Stücke allesamt aufs Wesentliche reduziert sind, könnte „Dettmann“ von Minimal als Stilrichtung kaum weiter entfernt sein. Über weite Teile zellibriert Dettman puren, dreckigen Techno in Reinkultur. Auch wenn Dettmann hier kein Kreativfeuerwerk zündet ist, spürt man wie hingebungsvoll und präzise innerhalb der Tracks jedes Sample und jeder Loop aufeinander abgestimmt sind. Und ist dabei so linear und monoton, dass es schon fast retro wirkt, heutzutage aber dennoch auf seine Art schon wieder fast frisch klingt. Ein Paradoxon? Das musst nicht sein. Denn so druckvoll und drückend, so ehrlich war Techno schon lange nicht mehr. Produzierte Wahrhaftigkeit.

Das allein reicht freilich nicht für ein Album. Könnte Dettmann nicht mehr bieten, hätte er auch weiter bei Singles bleiben können. Und darum gesellen sich zu mörderischen Brechern wie „Screen“, „Silex“ und insbesondere „Viscious“ auch diverse weniger brachiale Stücke.

Da gibt es z.B. „Motive“„, wo Bassdrum und Beats düstere Flächen durch ein endloses, diffuses Meer aus Dunkelheit schieben – lässt sich schon fast der Drone music zurechnen. „Drawing“ lädt ein sich in Weite zu verlieren und dem Traumgleiten zu frönen. Der größte Lichtblick im Wortsinne bleibt freilich „Reticle“: Es beginnt zwar kühl, entschlüpft jedoch bald klammheimlich seinem Kokon und überlässt dem Groove schwebend das Feld. Durch den harten Kontrast zum weiteren Programm gleicht der gelungene Deephouse-Ausflug einer Fata Morgana. Einer ziemlich pitoresken dazu.

Ähnlich positiv gestimmt ist nur noch „Home“, was nach dem früheren-aber-nicht-ganz-frühem Paul Kalkbrenner klingt. Würde der Track auf Kalkbrenner’s verträumtem Album „Zeit“ (2001) auftauchen, würde er dort nicht sonderlich auffallen. Eine Langezogene Hintergrundfläche, eine etwas wärmere, sich zurückhaltende Bassdrum und viele helle Samples machen den Frühling spürbar.

Das auch die „Berghain-Tracks“ nicht abfallen und mehr als nur funktionieren, liegt an zweierlei Dingen. Zum Einen schlagen die Stücke selbst eine immer etwas andere Richtung ein. Während „Viscous“ sich einem umbarmherzigen Panzer gleich über das Feld bewegt, spielt „Irritant“ mit verschleppten Beats, zügelt „Silex“ die Drums und lässt seine Bässe zu Funkverkehr aus dem Jenseits rollen.

Marcel Dettmann – Viscous:

Zum Anderen variiert Dettmann auch innerhalb der Stück auf subtilen Ebenen und fügt beinahe unmerklich die ein oder andere Spur dazu, wenn es passt. Kaum bis gar nicht hörbar, aber spürbar. Ähnlich wie mit einem guten Essen, wo man die einzelnen Gewürze nicht zwangsweise herausschmeckt, es ohne diese aber definitiv nicht so gut munden würde.

Eigentlich passt das Album und der Releaszeitpunkt trotzdem nicht so recht zur Jahreszeit. Nun ist es endlich wieder Sommer und Dettmann hat in der Summe doch eine geballte Ladung Düsternis und Druck im Gepäck. Die Qualität lässt einen dass allerdings verzeihen. Bis auf eine kleine initiale Fehlzündung names „Argon“ ist Dettmanns Werk kontinuierlich überzeugend und zudem vielschichtig genug, um sich zurecht Album nennen zu dürfen.

Hip-Houser und 3-Tage-Wache-Elektro-Raver werden mit „Dettmann“ wohl gar nichts anfangen können. Und das ist auch gut so, denn davon gibt es derzeit wirklich mehr als genug. Schlussendlich bildet „Dettmann“ als Gesamtwerk eine vorzügliche Antithese zur Welt aus „Sky And Sand“.

Eine kleine Warnung zum Schluss: Eiliges Durchskippen der Tracks vor mäßigen PC-Boxen provoziert bestenfalls eine Fehleinschätzung. Dafür ist das Album nicht gedacht und gemacht. besonders untenherum rappelt es mächtig im Karton und die Tracks verlieren ohne passendes Equipment massiv an Wirkung. Es ist länger her, dass ich bei meinen Denon Ohrhöhren wirklich spüren konnte, wie sie im unteren Frequenzbereich am Limit arbeiten.

Wer das Album hören will braucht, wenn schon nicht die phänomenale PA des Berghain, doch zumindest etwas gehobenes Hi-Fi-Equipment oder gute Kopfhörer. Erst dann blüht das Album auf und reißt den Hörer mit mächtigem, unwiederstehlichem Sog mit in die Klangwelten von Marcel Dettmann, die sonst günstigstenfalls erahnbar bleiben.

Schlussnotiz an mich: Berghain mieten, „Silex“ einlegen und auf repeat stellen. Die zweite Basslinie marodiert sehr versteckt vor sich hin, dürfte im Club allerdings seine intentionierte, heftige Wirkung vollends entfalten.

Marcel Dettmann – Drawing:

Bezugsquellen, Preise vom 6.6.2010:


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3 Kommentare
  1. Schönes Review, leider sind sehr viele Rechtschreibfehler drin. Ich persönlich finde „Argon“ (nicht Aragon“) einen der besten Tracks auf dem Album. Dem Rest kann ich nur zustimmen.

    • Inzwischen kann man ja sehen, dass Argon sogar einer der beliebtesten Tracks ist. Allein verstehen tu‘ ich’s nicht. Das ist mir dann doch zu simpel. 1 Pattern und Hall rein, Hall raus, rein, raus. Meh. Nicht meine Tasse Tee.😉 Was die Rechtschreibung angeht muss ich mir langsam echt mal etwas einfallen lassen, da hast Du wohl recht.

      • Das stimmt zwar, aber dieses Pattern ist eben furchtbar geil. Bis man es so richtig kapiert hat ist der Track fast rum🙂. Danach kommen gleich Silex und Viscous.

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